Jamel rockt den Förster 2026

Da wir zu den Glücklichen gehörten, die Tickets für das diesjährige „Jamel rockt den Förster“-Festival ergattert hatten, sollte es am 4. und 5. September nach Jamel gehen.

Für alle, denen Jamel nichts sagt: Jamel rockt den Förster ist keine normale Veranstaltung, sondern es ist ein Festival für Demokratie und Vielfalt und damit für mich das bedeutendste und leider wichtigste Festival in Deutschland.

Das Dorf Jamel ist von Neonazis gezielt als „nationalsozialistisches Musterdorf“ besiedelt worden. Das Festival bedeutet seit 2007 Gegenwehr gegen diese Vereinnahmung und soll den Nazis demonstrieren, dass ihnen „demokratischer Gegenwind“ entgegen bläst. Seitdem versammeln wir uns jedes Jahr, um rechten Strukturen entschlossen entgegenzutreten und vor Ort eine lebendige, demokratische Kultur und einen gemeinsamen Meinungs- und Willensbildungsprozess zu stärken.

Quelle: forstrock.de

Besonders ist dabei auch, dass das musikalische Line-Up geheim ist und man erst zu Beginn des Auftritts erfährt, welche Band bzw. Musikerin oder Musiker spielt. Schließlich geht es primär um die Förderung der Demokratie und nicht um die Musik. An dieser Stelle empfehle ich für weitere Erklärungen eine Reihe von Dokus und den Film über Jamel, die auf der Webseite unten verlinkt sind.

Ich habe 2021 zum ersten Mal Jamel rockt den Förster besucht und ich bin begeistert von Birgit und Horst Lohmeyers Einsatz gegen die Nazis und für die Demokratie. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwierig es sein muss, in so einem Dorf zu leben, umgeben von Rechtsextremen. Wie gesagt, schaut euch die eine oder andere Doku an, es ist unglaublich, was es für Menschen in Deutschland gibt …

Jedenfalls stand das diesjährige Festival wettertechnisch vor einer großen Herausforderung: es schüttete am Freitag wie aus Eimern. Eigentlich hätte der Einlass um 12 Uhr beginnen sollen, doch dann wurde er verschoben. Weiter wurde das Programm ab 15 bis 18 Uhr abgesagt und dann fiel tatsächlich der ganze Festivalfreitag ins Wasser und es fand gar nichts statt. Das größte Problem war wohl, dass die LKW die Technik nicht abliefern konnten, weil der Boden so durchweicht war.

Dann hieß es abwarten und bangen, ob es am Samstag weiter geht oder nicht. Aber vormittags kam die Erleichterung: Ja, es soll wie geplant stattfinden.

So reisten wir gegen 14:30 Uhr auf dem Tagesparkplatz an – und blieben erstmal im Auto sitzen, da es einen Regenguss gab. Danach ging es zur Bändchenausgabe und weiter zum Infield.

Dort hatte gerade die erste Band zu spielen begonnen: Schuman Live.

Fury-Drummer Rainer Schumanns Band SCHUMAN tourt weiter durch die Lande: Kristof Hinz (dr), Lars Lehmann (b) und Carsten Litfin (git) sorgen für die musikalische Hängematte, damit Rainer Schumann am Mikro sein Publikum entspannt mitnehmen kann auf eine Reise, die immer wieder überrascht.

Quelle: schumanmusic.de

Ich kenne zwar Fury in the Slaughterhouse, aber dieses Projekt nicht. Die Musik war ein guter Start in den Festivaltag, aber ähnlich wie Fury ist es für mich persönlich guter Rock, den man mal anhören kann, für den ich aber nicht extra aufs Konzert gehen würde. Leider begann es während des Auftritts wieder zu regnen, hörte aber zum Glück nach ein paar Minuten wieder auf. So durchwachsen sollte es bis zum Abend bleiben, aber mit Einbruch der Dunkelheit blieb es dann wenigstens trocken.

Der zweite Act war für mich dann bekannter: Butterwegge. Den Namen hatte ich in letzter Zeit auf diversen Shirts in Line-Ups gesehen und heute sah ich die Band sozusagen „endlich“ live.

3 Mädels, 3 Jungs, Punkrock, Bier und Pommes

Dazu deutschsprachige Texte, mal politisch intelligent, mal trivial süffisant.

Im Ruhrpott wird eben nicht aufgegeben. Butterwegge hält die Stellung und konzentriert sich neben gewohnt klarer Kante auch auf so entscheidende Dinge wie Spaß.

Quelle: der-butterwegge.de

Butterwegge hat mir sehr gut gefallen. Ich fand die Lieder abwechslungsreich und den Sänger sympathisch. Coole Band, werde ich mir merken! Und wie man auf den Fotos erkennen kann, kam zwischendurch sogar die Sonne raus.

Weiter ging’s mit GRENZKONTROLLE. Das war wieder eine Band, die mir gar nichts sagte.

Die vierköpfige Kölner Band GRENZKONTROLLE bewegt sich zwischen Post-Punk, politischer Kunst und kultureller Collage.

Quelle: grenzkontrolle.org

Die Beschreibung Post-Punk finde ich sehr passend, denn irgendwie war es zwar Punkrock, was mir eigentlich gefällt, aber dann hatte es etwas künstlerisch-absurdes. Nicht wirklich mein Fall, aber das muss es ja auch nicht sein.

So war für mich Zeit für Pommes mit Rosmarin-Knoblauch-Sauce als Abendbrot. Das war empfehlenswert!

Der nächste Act überraschte mich positiv: SOFFIE. Mir gefielen die Songs sehr gut, sie waren abwechslungsreich und so hat mir das Konzert viel Spaß gemacht, auch wenn ich ein Stück zu alt für die Generation Nickelodeon bin 😉

SOFFIE ist Singer-Songwriterin und wurde mit ihrem Lied “Für immer Frühling” berühmt. Der virale Hit behandelt die Sehnsucht nach einer Utopie, in der niemand hungern muss und alle Menschen willkommen sind. Er wurde zum Protestsong gegen Rechtsextremismus in Deutschland und Österreich 2024.

Quelle: ardmediathek.de

Das einzige, was mir nicht gefiel, war die permanente Präsenz einer Person, die wirklich jedes Lied komplett mit Kamera und Smartphone dokumentierte. Sie stand wirklich die ganze Zeit auf der Bühne und behinderte, zumindest in meinen Augen, den Auftritt. Und das zu Zeiten, wo sich viele andere Musizierende beschweren, dass sie während ihrer Konzerte nur noch in Handylinsen blicken …

So langsam wurde es dunkel und somit wurden wir immer gespannter, welche Bands heute wohl noch auftreten würden. Schließlich kommt in Jamel das beste meist zum Schluss, letztes Jahr zum Beispiel Die Toten Hosen oder Kraftklub.

Heute wurde es zunächst Deine Cousine, was mich sehr freute. Tatsächlich habe ich die Band vor einigen Jahren hier in Jamel entdeckt und sie gefiel mir sehr. Bis heute gehe ich gern auf de Konzerte, weil die Stimmung super ist und ich viele Songs sehr mag. Meiner Meinung nach klingt sie übrigens live ganz anders als „auf Platte“. Also falls sie euch beim Anhören Zuhause nicht gefällt, gebt Deiner Cousine lieber nochmal live eine Chance.

Erst im Juni hatte ich Deine Cousine auf dem Superkunstfestival gesehen und heute war es schon wieder soweit. Es war wieder ein tolles Konzert, auch wenn ich überrascht war, dass sich niemand für die zweite Strophe von „Der Himmel is‘ ne Kneipe“ auf die Bühne traute. Aber das Jesus-Double von Wacken 2025 kann in dieser Performance wohl eh niemand toppen!

Nachdem Deine Cousine fertig war, rätselten wir, was denn nun der „Mainact“ werden würde. Zunächst war aber Manuela Schwesig als Schirmherrin des Festivals an der Reihe.

Und dann gab es eine Überraschung, die an sich eigentlich keine war: ON! war die nächste Band. Dafür muss man wissen, dass ON! seit 13 Jahren bei Jamel rockt den Förster Auftritt und seit ungefähr 8 Jahren traditionell der letzte Auftritt am Samstag ist.

ON! ist eine deutsche Rock- und Punkband aus Kiel, Schleswig-Holstein. Bis 2025 war die Gruppe über zwei Jahrzehnte lang als Tequila & the Sunrise Gang bekannt und hat sich im Jahr 2025 einen neuen Namen und ein leicht verändertes musikalisches Profil gegeben.

Die Band wurde im Jahr 2001 in Schönberg bei Kiel gegründet und etablierte sich über viele Jahre als feste Größe der norddeutschen Live-Szene.

Quelle: Wikipedia

Somit wurde uns klar, dass der Abend zu Ende ging und es keinen weiteren Auftritt mehr geben würde. Anders als in den letzten Jahren waren es somit sechs statt sieben Konzerte auf der großen Bühne.

ON! war trotzdem ein schöner Abschluss, denn sie machen eigentlich immer nochmal richtig gute Stimmung und animieren mit ihren Songs zum Tanzen. Erfreulicherweise regnete es inzwischen nicht mehr.

So war um 23:40 Uhr auf der Hauptbühne Schluss, auf der kleinen Bühne legte im Anschluss noch eine DJane auf. Wir beschlossen allerdings, uns auf den Heimweg zu machen, schließlich galt es noch herauszufinden, ob wir es allein vom matschigen Acker schaffen würden oder nicht.

Wir kannten das Problem bereits von anderen Festivals wie Wacken oder Deichbrand, wo die Autos nur dank Traktoren zurück auf die Straße kamen, weil der Boden so matschig und schwammig war, dass die Reifen schlicht durchdrehen. Und das kann je nach Anzahl der Autos eine ganze Weile dauern.

Aber die Wiese in Jamel sah noch gut aus, nur der Bereich vor der Ausfahrt auf die erhöht liegende Asphaltstraße war eine Herausforderung, die Anlauf benötigte. Cool war, dass es genug Freiwillige vor Ort gab, die die Autos im Zweifel mit anschoben. Mit vereinten Kräften schafften es die meisten so zurück auf die Straße. Und für die paar großen Transporter und Wohnmobile gab es einen Traktor, der sie schleppte. Richtig schön, dass das alles gut klappte, weil alle so hilfsbereit waren!

Wir schafften es ohne Anschieben un somit gebe ich für die Performance 9 von 10 Punkten 🤪.

Insgesamt hat es mir wieder sehr gut gefallen. Natürlich ist sehr schade, dass der Festivalfreitag ins Wasser fallen musste, aber gegen solche Regengüsse kann man bei einem Open Air Festival nunmal nichts machen. Und auch wenn der Anlass für Jamel rockt den Förster besorgniserregend ist, war es ein schöner Festivaltag. Es tut gut, Gleichgesinnte zu treffen und zu sehen, dass man nicht allein gegen den Faschismus kämpft.

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