Über Weihnachten bin ich vor Kälte und Stress nach Teneriffa entschwunden und rückblickend war es eine grandiose Idee.
Teneriffa ist eine Insel der Kanarischen Inseln und liegt vor der Küste Afrikas im Atlantik. Es ist eine gebirgige Vulkaninsel, der höchste Gipfel ist der 3.715 Meter hohe Teide, der weithin sichtbar ist. Dort oben liegt im Winter sogar Schnee, auf dem Rest der Insel ist das Klima aber ganzjährig warm: Im Sommer sind tagsüber um die 28 °C und jetzt im Winter immer noch sehr angenehme 21 °C, Regentage sind selten. Der Norden der Insel ist sehr grün, dort regnet es vergleichsweise häufiger, während es im Süden eher trocken ist.

Mit diesen Bedingungen ist Teneriffa nicht nur ein beliebtes ganzjähriges Bade- oder Wanderurlaubsziel, sondern auch sehr attraktiv für Radfahrende. Im Südwesten der Insel gibt es sogar ein Triathlon-Sportzentrum, in dem auch deutschsprachige Trainingscamps stattfinden.
Auch wenn ich von diesem Niveau weit entfernt bin, habe ich die Gelegenheit genutzt und für meinen Urlaub ein Rennrad gemietet. Zu Hause habe ich ja mein rund 20 Jahre altes Bottecchia-Rennrad, daher wollte ich mal etwas Neueres ausprobieren.
Entschieden habe ich mich für ein Scott Addict 15 Contessa 105 Di2, das „Contessa“ steht für eine an Frauen angepasste Rahmengeometrie. Das bedeutet, dass das Oberrohr im Verhältnis kürzer als bei normalen Rahmen ist, was besser zur weiblichen Anatomie passen soll. Außerdem hat es eine elektronische Schaltung und Scheibenbremsen.

Mit weiteren technischen Details will ich hier niemanden langweilen, aber schon die Fahrt vom Fahrradverleih zur Ferienwohnung war eine ganz neue Welt. Die Schaltung ist kein Vergleich zu meiner mechanischen Campaniolo-Veloce-Schaltung, bei der ich gefühlt 10 cm Weg mit dem Schalthebel zurücklegen und halten muss, bis der Gang irgendwann umschaltet 😅. Ein Klick und sofort ist der neue Gang drin. Vermutlich sind auch mechanische Schaltungen heutzutage lange nicht so grob und brachial wie meine und auch damit wäre ich glücklich, aber das elektronische Schalten macht schon Spaß.
Ansonsten fällt beim Fahren auf Teneriffas Straßen schnell auf, dass es gar keine Radwege gibt und man die ganze Zeit auf der Straße fahren muss. Das ist in der Stadt eine spannende Angelegenheit, wenn man den Verkehr und die lokalen Gepflogenheiten nicht gewohnt ist. Am anstrengendsten fand ich die mehrspurigen Kreisverkehre, von denen es sehr viele gibt und bei denen es leider oft so ist, dass man auf die innere Spur fahren muss, wenn man die übernächste Ausfahrt nehmen will 😓 – und das wird vorher nicht angezeigt, das muss man wissen. Dafür sind die meisten Autofahrer entspannt und lassen Fahrradfahrer einscheren, nur sehr, sehr wenige überholen vergleichsweise dicht oder scheren zu früh wieder ein.



Außerorts sind die Straßen deutlich weniger befahren, allerdings sind dort die Geschwindigkeiten der Autos auch höher. In Spanien müssen Autos beim Überholen 1,5 m Abstand halten und sie dürfen dabei maximal 20 km/h langsamer als die zugelassene Geschwindigkeit fahren. Heißt z.B. in Zone 50 mit 30 km/h oder in Zone 70 mit 50 km/h. Die angepasste Geschwindigkeit beachten innerorts nur sehr wenige Autofahrer und außerorts ist das schwer zu beurteilen, aber da hat mich eher der fehlende Abstand gestört. Richtig gefährlich wurde es zum Glück nie, aber sonderlich wohl habe ich mich außerorts nicht gefühlt. Selbst mit 30 km/h und gutem Tritt ist man ja ein Hindernis für Autos, die eigentlich 70 km/h fahren könnten. Auf der anderen Seite sind wir alle Verkehrsteilnehmer und wenn es keine Wege für mich als Radfahrer gibt, muss man halt Rücksicht nehmen. Trotzdem versuchte ich, solche Situationen zu vermeiden und entsprechend Routen zu planen, die nicht entlang viel befahrener Straßen verlaufen. Am Ende hat das meist gut geklappt, man muss halt flexibel bleiben und dank mobilem Internet und Kartenmaterial, war das Umplanen auch schnell gemacht.
So gab es hin und wieder Momente, bei denen ich mich mit meinen geplanten Touren total verkalkuliert hatte. Bei einer Ausfahrt fand ich die Steigung im Höhendiagramm anspruchsvoll, aber ich hatte nicht bemerkt, dass es über 3 km lang pausenlos rund 10° bergauf ging. Pausenlos. Das heißt, wenn man nicht mehr kann, hält man auf einer schrägen Straße an und muss dann auch auf ebendieser anfahren. Grandioser Fehler 😄. Ich habe mich durchgekämpft und war danach mächtig stolz, aber das ging gewaltig in die Waden.
Ein anderes Mal habe ich eine flachere Strecke geplant, die dennoch bergauf ging und zudem viel mehr von Autos befahren war, als ich erwartet hatte. Die Straße verlief parallel zur Schnellstraße und so hoffte ich auf eine ruhige Strecke, aber nein, hier überholte mich ein Auto nach dem anderen. Anfangs gab es noch einen Standstreifen, der ca. 2 m breit war und sich somit wunderbar fürs Fahren eignete, ohne ein Hindernis zu sein, aber der wurde irgendwann nur noch rund 50 cm schmal 😑. Dahinter erst eine Leitplanke und später ein kleiner Abhang mit Graben (wahlweise aus Schotter oder Stein). Da es noch einige Kilometer so weiter gehen sollte, fiel die Entscheidung: bis hier hin und nicht weiter!

In dem Moment war ich enttäuscht und genervt, aber als ich die Strecke später noch einmal mit dem Auto abgefahren bin, wurde mir klar, dass es für mich die richtige Entscheidung gewesen war. In einer Gruppenfahrt wäre das vielleicht etwas anderes, aber so fehlt mir wirklich der Mut / Mumm / Leichtsinn. Sucht euch was aus.
An dieser Stelle muss ich auch sagen, dass ich mit meinem neuen Rücklicht und Navi als Urlaubsvorbereitung alles richtig gemacht habe. Das Garmin-Rücklicht hat mir so geholfen, über herannahende Fahrzeuge informiert zu werden und auch zu wissen, wenn sich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit von hinten nähert. Und das Wahoo-Roam-Navi war perfekt fürs Navigieren und auch spontanes Umplanen. Man kann die geplante Route einfach stoppen und weitermachen oder ein neues Ziel suchen und dorthin navigieren. Perfekt für mich!
Mein letzter, sehr spontaner Einfall vor dem Urlaub war dann noch eine Oberrohrtasche, die sich ebenfalls bezahlt gemacht hat, weil ich mit meiner „Unterrohrtasche“ im Rahmen des Contessa sonst keinen Platz für Trinkflaschen gehabt hätte. Wohl investierte Last-Minute-20 € 😎.
Und die Aussichten beim Radfahren sind auf Teneriffa wirklich grandios. Es waren meist um die 20 °C, die Sonne schien, aber brannte nicht, dazu die Palmen, das Meer und der Blick auf die Berge. Wunderschön!

Unterm Strich war es zwar komplizierter als gedacht, aber es hat mir wirklich Spaß gemacht, auf Teneriffa Rennrad zu fahren. Das Contessa war für mich die richtige Wahl und ich muss sagen, es ist „leider“ ein wirklich tolles Rennrad 😄.
Im Gegensatz zu Zuhause hatte ich kaum Sitzprobleme und keine Probleme mit den Handgelenken. Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis, den Lenker „innen“ anzufassen, um meine Arme zu entspannen. Ich kann nicht ausschließen, dass ein Faktor war, dass ich mit anderen Dingen wie Autoverkehr oder Anstiegen beschäftigt war, aber auch Zuhause fahre ich ja nicht starr geradeaus.
Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich mich auf dem Contessa viel besser umdrehen kann, während ich fahre. Es fällt mir total leicht, den Schulterblick zu machen. Beim Bottecchia musste ich das erst üben und es fällt mir auch immer noch nicht leicht. Das spricht auch dafür, dass die Rahmengeometrie des Bottecchia zu lang für mich sein könnte. Und ich habe mir schon sagen lassen, dass ich auf dem Bottecchia schon recht gestreckt sitze. Das muss ich demnächst mal evaluieren.
Gemietet habe ich das Rad übrigens bei „Bike Point Tenerife„, was ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe zwar noch nie vorher ein Rennrad gemietet und somit keine Referenz, aber für mich lief alles wunderbar. Nette Leute, eine bemerkenswerte Auswahl an Rennrädern und Räder sind in einwandfreiem Zustand. Zudem war Zubehör wie Ersatzschlauch und Pumpe beim Rad mit dabei. Würde ich genau so wieder machen.
Stellt sich jetzt nur die Frage: Wo geht der nächste Rennradurlaub hin? Mallorca soll ja auch ganz schön sein 🤪.
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